3. September 2008

Die Ärmsten der Armen

Die ganze Medien-Welt wartete auf “Gustav” und dass wieder so spektakuläre Bilder wie damals bei “Katrina” sich über den Globus verbreiten - doch die wahre Katastrophe, die sich in einer der ärmsten Ecken der Welt abspielt, wurde dabei fast übersehen. Erfreulicherweise hat das gute alte “Heute-Journal” im ZDF nun eingesehen, dass die Überschwemmungen im Osten Indiens die Auswirkungen durch “Gustav” weit in den Schatten stellen - vor allem das entstandene menschliche Leid. Es ist eine Sache, in einer überfüllten Sporthalle Tage auszuharren - aber das ist kein Vergleich mit der Not, die Hunderttausende in Bihar derzeit erleben. Und so bleibt zu hoffen, dass auch andere Qualitätsmedien sich mit dem Thema näher befassen und dass vielleicht auch zur finanziellen Unterstützung der helfenden NGOs aufgerufen wird.
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3. August 2008

Horn OK Please

Für unsere Medien scheint das ein echter Aufmacher zu sein, seit Tagen geistert die Story “33 Tote bei Verkehrsunfall” durch die deutschen Online-Medien. Ok, sowas kennt man hier nicht, aber dass ist in Indien (ach, was: in ganz Asien) nur eine Meldung für Seite 3 der regionalen Ausgabe. Man kann nun mal nicht bestreiten, dass Fahrzeuge in Indien gerne überladen werden und selten westlichen Sicherheitsvorschriften entsprechen. Auch gibt es nur eine Verkehrsregel, an die sich wirklich alle halten: “Geschwindigkeit mal Masse = Vorfahrt”. So hat also ein Bus mit 70km/h Vorfahrt vor dem LKW mit 40km/h und dem PKW mit 90km/h….und alle Zweiräder müssen eh flüchten, wenn solche “Alphatiere” unterwegs sind. Und jeder benutzt grundsätzlich akustische Signale, um auf sich aufmerksam zu machen. Allerdings sind die Geschwindigkeiten meist niedriger als bei uns und wenn es brenzlich wird, steigen halt auch alle in die Eisen. So passiert dann trotzdem relativ wenig - außer die Kiste ist überladen, die Bremsen defekt oder der Fahrer betrunken. Und dann geschehen halt Unfälle wie dieser. Täglich. Nur ist das bei so einem großen Land auch wieder kein Grund, nun keinen Fuss mehr vor’s Haus zu setzen oder mit unkommentierten Horrorzahlen die Lust auf einen Indien-Besuch zu dämpfen.
Wer es noch nicht kennt, das berühmte “Driving in India”-Video, was keinen Ausnahmezustand, sondern die Normalität dokumentiert (auch hier gut zu sehen: “Geschwindigkeit mal Masse = Vorfahrt”). Was bei erstem Anschauen als pures Chaos anmutet, entpuppt sich bei mehrmaligem Anschauen (oder noch viel besser: nach Rückkehr aus Indien) als hervorragendes Beispiel nonverbaler Abstimmung - etwas, was man sich zuweilen auch bei uns im Kreisverkehr wünscht…
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30. März 2008

Tradition verpflichtet

Wer in Indien zum “Tata-Clan” gehört, von dem wird einfach geschäftlicher Spürsinn erwartet. Firmenpleiten, Fehlinvestitionen und Ausrutscher auf öffentlichem Parkett wären gefundenes Fressen für die indische Boulevardpresse. Doch bereits in der fünften Generation sind die Tatas immer noch die “First Family of Indian Business”- und wird von den Aufsteigern aus den 90ern wohl auch kaum verdrängt werden. Der Name “Tata” mag uns hier nicht sehr geläufig sein, in Indien kennt ihn jedes Kind; Tata ist für Indien wie Krupp, Thyssen, Siemens und Porsche für Deutschland zusammen. Um so erstaunlicher, dass dieser schwerfällige Konzern, der sich in fast allen Branchen tummelt, mit dem Wandel der Zeit mithalten konnte und heute ebenso für Mobilfunk und IT consulting wie für Tee, Stahl und Chemie steht. Dahinter steht seit 1991 (nachdem J.R.D Tata das Unternehmen 52 Jahre lang geführt hatte) Ratan Tata, “der Schweigsame”, der allerdings, wenn er was sagt, genau so viel Gehör in Indien bekommt wie Alan Greenspan in den USA. Damit auch im deutschsprachigen Raum (gerade in der derzeitig proklamierten “Manager-Krise”) man Notiz von diesem Mann mit durchaus vorbildlichem Wirken nimmt, hat ihm der Tagesspiegel ein ausführliches Porträt gewidmet.
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Ruhestörung

Ich war im Oktober 2007 in McLeod Ganj, offiziell der “Sitz der tibetischen Exil-Regierung”, inoffiziell ein Ferienparadies für westliche Weltverbesserer und Esoteriker. Man hatte es sich dort gemütlich eingerichtet: unzählige Unterkünfte und Restaurants, Yoga- und Meditationskurse, geführte Wanderungen und Vorträge über die tibetische Kultur. Jeden Abend säumten Händler die schmalen Strassen, es fühlte sich ein wenig an wie deutscher Weihnachtsmarkt. Der Ort an sich wäre ohne die chinesische Herrschaft in Tibet undenkbar, aber andererseits hatte man es sich doch recht gemütlich gemacht auf dieser Bergkuppe und hatte sich damit begnügt, jedem Journalisten und interessierten Besucher zu bestätigen, dass es der Verwandschaftin Tibet schlecht ginge und daraufhin einen Butter-Tee und ein Free Tibet Shirt anzubieten. Es erinnerte auch ein wenig an die Situation in West-Berlin in den 80ern…dort gab es die Mauer und alles und die armen Brüder im Osten - aber eigentlich ging’s einem gut und es war nunmal so wie es ist.
Vorbei ist es mit der Ruhe in McLeod Ganj seitdem Tibet am Rande eines Bürgerkrieges steht. Nun ist der Ort zweigespalten und die Touristen eher lästig als willkommene Multiplikatoren. Weiter den Satyagraha-Kurs vom Dalai Lama fortsetzen (der in den letzten Jahrzehnten herzlich wenig gebracht hat, aber welcher Buddhist denkt schon in so kurzer Zeitspanne) oder doch lieber Guerilla-Krieg gegen die Besatzer (der in der Vergangenheit zwar riesiges Leid, aber auch beachtliche politische Erfolge erzielen konnte)? Und in wieweit darf man gegen China protestieren, ohne die indischen Gastgeber in die Bredouille zu bringen?

Ein sehr aufschlussreicher Lagebericht aus McLeod Ganj/Dharamsala findet sich dazu im Tagesspiegel.

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14. Januar 2008

Smart

Es gibt viele günstige Kleinwagen auf dieser Welt, um die bei uns niemals so viel Worte verloren wurden wie um den Tata Nano (gab es keinen schönen indischen Namen? Musste es mal wieder ein westliches Modewort sein?) in der Woche seiner Vorstellung. Anscheinend trifft es einen wunden Punkt im Land der Käfer, Isettas und Smarts. Waren es doch oft deutsche Fabrikate, die als “Kompaktwagen” die Welt mobil machten. Jetzt wollen die Inder, die doch meist nur hoch singend und schnell tanzend im Westen zu bestaunen sind, den traditionsreichen Automobilkonzernen den Rang ablaufen. Jetzt wird bei uns diskutiert, was so ein Auto für das Weltklima und die indischen Strassen bedeutet (ich denke nicht, dass sich in Indien darüber jemand den Kiopf zerbricht) und man geht mit dem guten Gewissen zu Bett, dass die deutschen Autohersteller dies wohl alles bedacht haben werden und sich demzufolge gegen eine Kleinstwagen-Entwicklung entschieden haben. Sonst hätten natürlich wir den Nano gebaut. Besser. Aber vielleicht hat man sich dann doch ein wenig verkalkuliert - denn auch wenn es recht unwahrscheinlich ist, dass in 5 Jahren unsere Strassen mit Nanos gefüllt mit Urlaubern aus der Dritten Welt verstopft sind (so wie wir es damals mit Italien gemacht haben….), wird die Kleinfamilie im Nano in Indien bald ein gewohnter Anblick sein. Und ein strahlender Ratan Tata ebenso. Verlinkt ist ein Artikel mit vielen Bildern des Tata Nano aus der FAZ online.

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Mundtot

Das Hamburger Abendblatt berichtet in seiner Online-Ausgabe über die bengalische Schriftstellerin Taslima Nasrin, die nun zusammen mit der hierzulande bekannteren Ayaan Hirsi Ali den “Simone-de-Beauvoir-Preises für die Freiheit der Frauen” verliehen bekam. Nach öffentlicher Kritik hat sie sich ebenso wie die Somalierin den Hass ihrer islamischen Heimatgemeinde auf sich gezogen und muss um ihr Leben fürchten. Ein trauriges Beispiel, wie auch in Indien der Graben zwischen politischer Offenheit (Demokratie, freie Meinung) und religiöser Intoleranz immer größer wird (das betrifft in Indien nicht nur Muslime, sondern Hindus in demselben Maße). Vielleicht der Versuch, der Unsicherheiten der Globalisierung mit einem umso festeren Wertesystem gegenüberzutreten - oder einfach nur ein Machtspiel bzw. eine Möglichkeit, gegenüber anderen wenigstens eine moralische Überlegenheit festzustellen (wenn es schon auf anderen Gebieten nicht klappt). Auf jeden Fall zeigt sich mal wieder deutlich, dass religiöser Fanatismus in Indien den politischen Fanatismus ebenso wie die Korruption als Hauptrisiko für den Zusammenhalt der indischen Gesellschaft weiterhin in den Schatten stellt. Auch die größte Demokratie der Welt muss sich die Frage gefallen lassen, warum die eigenen Bürger durch einzelne Gruppen so schikaniert werden können, dass sie um ihr Leben fürchten müssen.

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2. November 2007

Indisch, praktisch, gut

Ohne bestimmte Produkten und Marken hier zu bewerben ist die folgende Geschichte ein nettes Beispiel für “Indien wird in deutschen Medien langsam ernstgenommen”. Jetzt bauen die auch noch Autos - und nicht nur irgendwelche Tatas, die den westeuropäischen Ansprüchen an Verarbeitung und Anmutung in keinster Weise entsprechen, sondern auf Augenhöhe mit den alteingesessenen Namen. Das läuft zwar noch unter koreanischer Führung, aber die hat schon vor 10 Jahren den indischen Markt ernstgenommen und ist dadurch dort ein big player geworden - mal sehen ob koreanischer Geschäftssinn und indische lowcost Produktion auch hier dazu führen, dass man auch im Auto-Land Deutschland ohne rot zu werden sagen darf “Mein Auto kommt aus Indien”. Gefunden in Diepresse.com. Vielleicht fällt jetzt auch den BMWs und Daimlers ein, dass sie ihre Edelkarossen ja auch in Indien montieren (aufgrund der hohen Einfuhrzölle kann ein Autohersteller in Indien nur langfristig überleben, wenn er die PKW vor Ort zusammenschraubt) und wenn die Zulieferer mitziehen heisst es vielleicht schon 2015 ”Meine neue S-Klasse kommt aus Poona”. Nichts ist unmöglich…

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11. Oktober 2007

Gewetzte Messer

Nach langer Zeit mal wieder ein Artikel, der a) tagesaktuell aus Indien berichtet, b) das für Indien-interessierte im Ausland nötige Hintergrundwissen dazu liefert und c) nicht die typischen Indien-Reflexe provozieren will. Mal wieder zeigen sich die Schweizer Medien den deutschen in Sachen deutschsprachiger Indienberichterstattung überlegen: Die NZZ bezieht sich auf das aktuelle “Regierungskriselein” in Indien, dass sich aber bei zunehmender Fahrt durchaus zum Grund für den Bruch der aktuellen Koalition entwickeln kann. Denn für die Kommunisten (die der Regierung zwar nicht angehören, aber sie mit ihren Gegenstimmen blockieren können) ist der Nuklearpakt mit den USA ein ebensolches Problem wie ein Auslandseinsatz für die Grünen in Deutschland. Und ob die CPM sich so realpolitisch verbiegen kann, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Die regierende Kongress-Partei INC bringt Kronprinz Rahul in Stellung und die BJP versucht sich mal wieder als Retter der Hindu-Identität zu positionieren - nachdem Ayodhya ausgepresst ist, geht es nun um eine Fahrtrinne zwischen Tamil Nadu und Sri Lanka mitten durch Lord Ramas Inselbrücke. Da kann man wohl davon ausgehen, dass an der De-Eskalierung der Krise im Moment schon keiner mehr Interesse hat…
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